„Satanischer Wallraff“

Der Schriftsteller und Journalist Günter Wallraff will seltsamerweise „notfalls unter Polizeischutz“ in einer Kölner Moschee aus Salman Rushdies „Satanischen Versen“ lesen. „Ich bin ja kein ängstlicher Mensch, ich werde da dran bleiben“, so Wallraff. „Wenn das gelingt, wäre das wirklich ein Durchbruch und würde auch auf andere Moschee- Gemeinschaften ausstrahlen.“ Er halte sein Vorhaben nicht für naiv, sagte er weiter. Schließlich sei er gebeten worden, dem Beirat für eine geplante neue Moschee im Kölner Stadtteil Ehrenfeld beizutreten. „Das mache ich bestimmt nicht als nützlicher Idiot. Wenn, dann will ich da auch was bewegen.“ „Die Satanischen Verse“ betrachte er als „literarisches Meisterwerk“, das in der muslimischen Öffentlichkeit gelesen werden müsse. „Zurzeit verurteilen sie etwas, das sie gar nicht kennen.“ Dies hat Hannes Stein veranlasst, einen sehr interessanten Kommentar für die „Welt“ zu schreiben, den ich euch nicht vorenthalten möchte:

„Satanischer Wallraff
Als 1991 die Truppen von Saddam Hussein Kuwait überfielen und der irakische Diktator versprach, er werde „halb Israel mit Giftgas verbrennen“ – beziehungsweise den jüdischen Staat „in ein Krematorium verwandeln“ –, da schrieb Henryk M. Broder einen Artikel in der „tageszeitung“. Er appellierte an all jene Gutmenschen, die ihren Philosemitismus vor sich hergetragen hatten wie eine Monstranz, sie sollten jetzt tatkräftig ihre Solidarität beweisen und in das bedrohte Israel reisen. Dieser Aufruf hatte keine größeren Folgen, jedenfalls ist nicht bekannt, dass Deutschlands Intellektuelle damals eine Maschine nach Tel Aviv gechartert hätten.
Nur einer ließ sich von Broders Appell erschüttern: der linke Schriftsteller und Journalist Günter Wallraff. Er reiste tatsächlich nach Israel, als den Leuten dort die irakischen Scud-Raketen um die Ohren flogen. Später wurde er in einem Interview gefragt, auf wessen Seite er im Streit um den Golfkrieg von 1991 gestanden habe. Wallraff sagte: auf Seiten derer, mit denen er damals im Luftschutzbunker gesessen habe. Auf Seiten der alten Menschen, die aus Angst vor dem Giftgas – das vor allem deutsche Firmen an Saddam geliefert hatte – zitterten, während sie ihre Gasmasken übers Gesicht streiften.
Jetzt hat Günter Wallraff angekündigt, er wolle in einer Kölner Moschee aus Salman Rushdies Roman „Die satanischen Verse“ vorlesen. Eulenspiegelig meinte er, der türkisch-muslimische Kulturverein „Ditib“ habe schließlich zu einem offenen Dialog eingeladen, auf dieses Angebot müsse man jetzt eingehen. Außerdem sei er mit Salman Rushdie befreundet, den er eine Zeit lang bei sich versteckt hatte, nachdem der Ajatollah Khomeini in einer Fatwa dazu aufgerufen hatte, den Autor der „Satanischen Verse“ zu töten. Heute wie 1991 stellt sich der Linke Wallraff gegen den Mainstream, ohne dabei mit seinen politischen Weggefährten zu brechen. Damals verwahrte er sich gegen den linken Amerika- und Israelhass – heute schert er aus dem Bündnis aus, das viele Linke mit dem politischen Islam eingegangen sind (in London etwa gab es linke Demonstrationen zugunsten der radikalislamischen Hisbollah). Man mag die von Günter Wallraff angekündigte Lesung tollkühn finden. Man mag ihm ein Dutzend Bodyguards mit in die Moschee wünschen. Eines wird man ihm nicht versagen: Respekt.“
(Hannes Stein/ Welt 12.7.07.)

„Oskar Lafontaine, der nationale Sozialist“


„Das Phänomen Lafontaine leitet nicht nur eine weitere Stufe in der Entfremdung der Bürger von politischen Prozessen ein. Es besiegelt und belegt auch die Auflösung der Kategorien von links und rechts.
Denn der Demagoge aus dem Saarland ist ja beileibe kein linkes Phänomen. Aus Lafontaines Weltanschauung folgt das Programm einer nationalpopulistischen Regierungspartei, bei der Jürgen W. Möllemann den Außenminister, Peter Gauweiler den Innenminister und Erich Mielke und Franz Schönhuber die Ehrenvorsitzenden hätten geben können. „Die Linke“ müsste eigentlich „Die Reaktionäre“ heißen. Sie pflegt ein Weltbild des Ressentiments: protektionistisch, wirtschafts- und wettbewerbsfeindlich, nationalistisch und fremdenfeindlich.(…) Schuld sind die Amerikaner, die Fremdarbeiter, die Kapitalisten oder – und auch das ist eine interessante terminologische Anleihe – der „militärisch-industrielle Komplex“. Hilfe bietet der starke, segnende Staat und natürlich der für die wundersame Brotvermehrung höchstpersönlich zuständige Heilsbringer Oskar Lafontaine.(…)In der Idee des Nationalpopulismus schließen sich der ganz linke und rechte Rand zum Kreis. Ob der Antikapitalismus, der Antiamerikanismus oder der als Antizionismus verkleidete Antisemitismus nun von ganz links oder ganz rechts kommt, spielt im nationalen Sozialismus oder sozialistischen Nationalismus keine Rolle. Lafontaine hält Chávez für ein großes Vorbild. Chávez sieht in Ahmadinedschad, den er gerne umarmt, einen Bruder im Geiste. Aber wenn die Leugnung des Holocaust und Fantasien zur Vernichtung Israels durch die Hintertür relativiert werden – allerspätestens dann hört der Spaß auf. Wer auch dafür noch Verständnis hat, hat nichts verstanden.“

So Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender Axel Springer AG, in seinem Beitrag „Oskar Lafontaine, der nationale Sozialist“ für die „Welt“. Den ganzen Artikel könnt ihr euch hier durchlesen.

„Ich hau dir auf’s Maul, scheiß Wixer!“

Auch wenn es am Samstag in Frankfurt nicht verhindert werden konnte, dass ein paar Hundert Neonazis durch die Straßen der Stadt zogen und Parolen a la „BRD Judenstaat, wir haben dich zum Kotzen satt“ und ähnlichen Müll gröhlen konnten, ist es doch beruhigend zu sehen, wie sich die Faschos gegenseitig das Leben schwer machen. So bin ich auf einer Neonaziseite auf folgenden amüsanten Bericht gestoßen, den ich euch nicht vorenthalten möchte:

Nach circa 200 Metern hatten einige Ordner wohl wirklich einen Sonnenstich erlitten. Aufgrund fehlender Kopfbedeckung? Wir wissen es nicht! Vielleicht fühlten sich einige Ordner auch einfach zu etwas höherem berufen als der Durchschnittsdemonstrant. Hilfspolizisten?

Eine Gruppe von ungefähr 200 KameradInnen führte Seitentransparente mit sich. Seitentransparente sind an sich eine tolle Sache, sind sie doch für den Bürger der sich das Demonstrationsgeschehen vom Bürgersteig aus betrachtet besser wahrnehmbar als Transparente die in der Masse der Leute untergehen. Die Polizei verlangte nun das zwischen den Seitentransparenten ein Abstand von 20cm einzuhalten sei. Von dieser Auflage wußten die Teilnehmer natürlich nichts, da die kurzerhand erlassene Auflage nicht per Megaphon durchgegeben, sondern nur den Ordnern mitgeteilt wurde.

Bei Demonstrationen ist es üblich das die Ordner die Teilnehmer in ruhiger, freundlicher Art & Weise auf solche Auflagen hinweisen. Das geschah in Frankfurt jedoch nicht. Zwei namentlich bekannte Ordner rissen den Teilnehmern, wie vom Hafer gestochen die Transparente aus der Hand ohne vorher nur ein Wort über die polizeiliche Auflage erwähnt zu haben.

„Weg mit dem Scheiß!“, „Pack den Scheiß ein!“… Wenn zwei wildgewordene Ordner dem Durchschnittsteilnehmer seine Transparente entreissen und mit Aussagen wie „Ich hau dir auf’s Maul, scheiß Wixer!“ um sich werfen, dann ist der Stino-Demonstrant natürlich erstmal verwundert und holt sich sein Transparent zurück. Das wiederum bewirkte dann, daß die zu Hilfsheriffs mutierten Ordner handgreiflich wurden, was wiederum bewirkte, daß der stinknormale Demonstrationsteilnehmer zwei besonders engagierte Hilfspolizisten in ihre Schranken verwies.

Es geht auch anders, welch Wunder, welch Wunder: Nachdem den Demonstrationsteilnehmern (Die Teilnehmer, die von den Hilfspolizisten als „Schwarzer Block“ und Krawallmacher identifiziert wurden.) von Ordnern ruhigeren Gemüts die polizeiliche Auflage bekannt gegeben wurde, da verzichteten die Teilnehmer teilweise sogar auf das Mitführen von Seitentransparenten damit die Demonstration endlich weiterkommt.

Ein namentlich bekannter Aktivist aus Thüringen beriet sich nach dem Zwischenfall mit dem Hilfssheriff (jener der mit Gewalt drohte und Worte wie „Wixer“ in den Mund nahm und von einem ordentlichen Auftreten bei Demonstrationen wohl noch nichts gehört hatte) über die Veröffentlichung von Videomaterial was er gedreht hatte. Der besagte Videoaktivist filmte mit seiner Kamera immer wieder in den von den Hilfssheriffs herbei halluzinierten „schwarzen Block“ und prahlte damit das Videomaterial veröffentlichen zu wollen. Prima! Zukünftig kann die Antifa zu Hause bleiben, die Outings übernehmen ab sofort die Leute aus den eigenen Reihen!

Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen, einen Überblickbericht zu den Aktivitäten in Frankfurt findet ihr hier.

Skandalöse Streetart

Mit Bestürzung bin ich im blog von just auf dieses Bild gestoßen:

Die von just aufgeworfene Frage „..was ist denn das fuer eine antifa die solche plakate druckt und plakatiert??“ kann ich recht einfach beantworten: eine (gelinde ausgedrückt) dumme! Erinnert das wohl zwecks Diffamierung von Nazis verwendete Motiv doch frappierend an die so genanten „Judensau“– Darstellung aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit, etwa an folgende aus Nürnberg aus dem 15. Jahrhundert:

Diese „Judensau“ Darstellungen sind seit dem 13. Jahrhundert bekannt. Sie sind auf Steinreliefs und Skulpturen an etwa 30 Kirchen und anderen Gebäuden bis heute zu sehen. Daneben begegnet man dem Bildmotiv seit dem 15. Jahrhundert in der Art einer bösartigen Karikatur in Flug- und Hetzschriften und anderen Medien. Bezeichnenderweise finden wir diese Darstellung fast ausschließlich im deutschsprachigen Raum. Charakteristisch ist die Abbildung von an ihrer aufgezwungenen Kleidung erkennbarer Juden, die obszöne Handlungen – häufig mit Ausscheidungs- und Verdauungsprozessen – an Säuen vornehmen. Schweine wurden deswegen gewählt, da sie im Judentum als unrein oder hebräisch „tame“ gelten. Zudem verbietet die Tora den hier dargestellten sexuellen Kontakt zwischen Mensch und Tier. Außerdem sind Schweine Symbole für das Unreine, Unkeusche und Sündige, das durch diese Form der Darstellung mit den Juden in eins gesetzt wird.

Somit erfüllten dies Bilder zwei Funktionen:
Einerseits sollten Juden verspottet und in ihrem religiösen Empfinden durch den dargestellten Tabubruch verletzt werden.
Andererseits sollten bereits bestehende Vorurteile über Juden verfestigt werden; diese Bilder sollten den Abscheu und die Verachtung der Juden zusätzlich steigern, deren angebliche „Andersartigkeit“ unterstreichen und sie somit zu leichteren Zielen für Attacken machen.

Dem Betrachter des Judensau-Motivs wurde also suggeriert, dass Juden besonders sündige, abstoßende, verkehrte und ausschweifende Dinge tun und mit Schweinen artverwandt seien. Noch heute ist es in rechtsextremen oder arabischen Zeitungen nicht unüblich, israelische Politiker als Schweine darzustellen. In Deutschland ist die Verwendung des Begriffs „Judensau“ heutzutage gesetzlich verboten. Sehr zu empfehlen zum Thema ist die Untersuchung Isaiah Shachar: The Judensau. A Medieval Anti-Jewish Motif and its History. Warburg Institute, London 1974.

Auch wenn ich mir denken kann, mit welcher Intention die „Stellung 88″ Plakate gestaltet wurden, entschuldigt dies keineswegs die skandalöse Form der Darstellung. Wer keine anderen Argumente gegen Nazis hat als sowas, sollte vielleicht besser ganz schweigen.

„Weiter waren wir noch nie“


Nun rotiert das neue Album der angeblich „wichtigsten Band Deutschlands“ und deswegen wahrscheinlich auch -wie neulich bei der „MTV Campus Invasion“ in Marburg geschehen- mittlerweile im Vorprogramm der Deutschpopper „Juli“ spielenden Tocotronic seit gestern in einer Endlosschleife in meinem Abspielgerät und ich muss sagen: Es ist sehr gut geworden! Das Warten hat sich wirklich gelohnt, zumal ich allen im Freundeskreis kursierenden Vorabversionen zum Trotz bis zum gestrigen Veröffentlichungstermin gewartet habe, um in den Klangkosmos von „Kapitulation“ einzutauchen.
Da vergesse ich auch gleich meinen kurzzeitigen Unmut über die Beteiligung der Band an einem von den notorischen Etatisten von „attac“ initierten Sampler zum antikapitalistischen Kameradschaftstreffen von Heiligendamm/Rostock, die mich angesichts der von Sänger Dirk von Lowtzow geäußerten Worte in einem Interview mit der Jungle World umso mehr verwundert. So bemerkte der Gitarrendandy völlig richtig zum Thema: „Man darf ja auch nicht vergessen, was es bedeutet, wenn jetzt auch Heiner Geißler Attac beitritt. Es ist natürlich auch interessant, dass man bei diesen G8-Demons­trationen dieselben Slogans mit nur hauchfeinen Unterschieden auch von Neonazis hören konnte.“ Nur um wenig später zu kapitulieren „Ich will diesen Anti-G8-Protest gar nicht diskreditieren, ich finde das schon grundsätzlich okay..“ Aber halbherzig kritisieren um anschließend umso begeisterter mitzumachen kennt man ja auch von den Möchtegerns vom „Ums ganze!“ Bündnis.. Doch was solls, Tocotronic sind (zum Glück) nur eine Popband die Popmusik macht und das auch auf dem neuen Album auf eine wirklich überzeugende Weise. Alle 12 Lieder betören mich, gerade besonders „Mein Ruin“, „Aus meiner Festung“ und „Imitationen“, Ausfälle sucht man vergeblich und nach den 54 Minuten Spielzeit drückt man wie selbstverständlich wieder auf Play. Auch im Gesamtkontext des Werkes der mittlerweile vier Hamburger fügt sich das Album nahtlos ein und erweist sich als logischer Nachfolger des letzten Albums „Pure Vernunft darf niemals siegen“ von 2005. Oder wie es in dem Lied „Harmonie ist eine Strategie“ heißt „Weiter waren wir noch nie“…damit auch genug popkulturelles Geschwafel von mir, wenn ihr mehr wissen wollt kauft euch das Album, fragt die notorischen Nervensägen Roger Behrens oder Dietmar Dath oder -falls ihr die Band nicht mögt oder „versteht“– lest einfach den Artikel von Michael Pilz aus der Welt.