Archiv für Juni 2007

Möllemann, geh du voran!

Magdeburg II

Ich hatte ja schon letzte Woche über die Ungeheuerlichkeiten, welche sich in der eigentlich recht schönen Stadt Magdeburg ereigneten, berichtet und erst gestern noch zufällig mit Corebert über die Sache gesprochen.
Wie ich nun bei nada erfahren musste waren die früheren Übergriffe der notorischen „Autonomen Antifa Magdeburg“ (AAMG) erst der Anfang. Gestern Abend wurde schon wieder eine Veranstaltung der Gruppe Antifa-Infoportal Magdeburg zu dem interessanten Thema “Zur Kritik des Antisemitismus und des Antiamerikanismus. Solidarität mit Israel” angegriffen, diesmal packten die wackeren „Anti“-Faschisten von der AAMG das komplette Street Fight Programm von Pfefferspray und Boxhieben über Tritte und Steinwürfe aus, aber wer keine Argumente hat…die ganze Story könnt ihr hier nachlesen. Wer noch Lust zu Kotzen hat kann sich auch noch dort die ganzen Kommentare durchlesen, Täter präsentieren sich als Opfer, auch in dieser urdeutschen Disziplin weiß die AAMG zu überzeugen!
Auch Aftershow und subwave berichten.

10 Jahre Jungle World


Die Berliner Wochenzeitung Jungle World (vom Nürnberger Sektenguru Robert Kurz in Gesprächen gerne als „Kinder-Welt“ bezeichnet) wird 10 und feiert mit einer dicken Jubiläumsausgabe. Mhm, 10 Jahre, da ist es doch eigentlich an der Zeit, den unsäglichen Bernhard Schmid endlich rauszuschmeißen! Nun ja, anlässlich des Jubiläums hat der (abgesehen von salty) angeblich „sexiest man of Berlin“, Ivo Bozic, einem Radiosender ein interessantes Interview gegeben, das ihr euch hier anhören könnt. Sehr witzig wird es, als der Interviewer seinen Hass auf die „Welt“ loswerden möchte..
Im Übrigen ist der beste Artikel in der Jubiläumsworld eindeutig und wie zu erwarten der von Tjark Kunstreich, „Globale Gollwitz-Linke“, den sich besonders die Möchtegerns vom „Ums Ganze Bündnis“ durchlesen sollten, am besten gleich hier:

„Globale Gollwitz-Linke
G8 sei Dank: Die deutsche Konsenslinke ist wieder da. Vom Antisemitismus will sie endlich nichts mehr wissen müssen

Das Gift hat eine neue Plattform«, kommentierte Dieter Graumann, der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, die Gründung der Partei »Die Linke«. Es gebe traditionell eine »krankhafte Feindseligkeit« gegenüber Israel. Es ist jedoch nicht nur der Antizionismus, die politische Rationalisierung des Antisemitismus, sondern auch der Antikapitalismus dieser Linken, der an Versatzstücke der Nazi-Ideologie anknüpft.

Das wollten auch die Antifa-Gruppen deutlich machen, die am 2. Juni in Rostock im »Ums ­Ganze«-Block neben Palästina-Deutschen, Antiimps und anderen Freaks, die Völker, Kulturen und Saatgut gegen den globalen Kapitalismus verteidigen wollen, demonstrierten. Anstelle einer Kritik des Antikapitalismus kam am Ende jedoch etwas anderes heraus: Anarchosyndikalisten und Gewerkschafter, Autonome und MLer, Antideutsche und Maoisten, Antifas und Antizionisten – sie alle können wieder gemeinsam auf eine Demon­stration gehen. Mit Palästinensertuch und Davidstern vereint gegen die Mächtigen der Welt.

Es wurde der Hauptwiderspruch wieder entdeckt, der Kapitalismus, der wahlweise dafür verantwortlich ist, als Imperialismus verkleidet die Völker der Welt zu knechten, oder für den Antisemitismus, der die Existenz des Staates Israel leider notwendig macht: Such dir eine Wahrheit aus! Nicht nur die Wasg und die Linkspartei haben sich vereinigt, auch die unterschiedlichen Strömungen der radikalen Linken haben wieder zum guten, alten Minimalkonsens gefunden.

Dieser besteht darin, zum einen die Verhältnisse als »strukturelle Gewalt« zu interpretieren, zum anderen gezielte Militanz als deren Brechung zu würdigen. In den neunziger Jahren war der Begriff »strukturelle Gewalt« aus dem Repertoire kritischer Bemühungen verschwunden, weil er ebenso gut dazu taugt, aus einem rassistischen oder antisemitischen Hassverbrechen eine Ver­zweif­lungs­tat zu machen, an der letztlich die Verhältnisse schuld sind – noch heute eine beliebte Übung, wenn es darum geht, islamischen Untaten ein irgendwie fortschrittliches oder wenigstens antikapitalistisches Moment anzulügen.

Angesichts der Pogromwelle Anfang der neunziger Jahre wurde dieser Sorte linken Interpretierens vorläufig der Garaus gemacht, weil zu offensichtlich geworden war, dass es nicht ausreicht, Antisemitismus und Rassismus als ein Spaltungsmanöver der Herrschenden zu erklären, das die Untertanen davon abhalten soll, ihre wirklichen Interessen wahr­zunehmen. Stattdessen wurde unterstellt, dass Leute, die Flüchtlinge jagen und umbringen, nichts anderes wollen, als Flüchtlinge zu jagen und diese umzubringen. Auf die Geschichte bezogen wurde dies übersetzt in die Erkenntnis, dass der Nazi-Faschismus nicht eine Diktatur gegen die Mehrheit der Bevölkerung war, sondern dass er von dieser mehrheitlich getragen und exekutiert wurde.

In der Wiederkehr des deutschen Antisemitismus in den neunziger Jahren bündelte sich das Unbehagen an Deutschland wie in einem Brennglas. Als im Jahr 1997 im ostzonalen Gollwitz die Bevölkerung die Unterbringung jüdischer Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion verhinderte, wurden als »Gollwitz-Linke« jene bezeichnet, die Verständnis für den zum Pogrom bereiten Mob äußerten, wie etwa Werner Pirker in der jungen Welt.

»So sind die realen Kräfteverhältnisse in der Linken: Die Nachdenklichkeit, die nach der Wiedervereinigung und dem Golfkrieg in allen Strömungen zu beobachten war, hat keine Wirkung gehabt. Die allermeisten Linken waren, sind und bleiben Spießer, Reaktionäre, Antisemiten«, resümierte Jürgen Elsässer damals (Jungle World 49/97). In Rostock-Lichtenhagen hatte der Mob 1992 Vietnamesen und Zigeuner verbrennen wollen, in Hoyers­werda tobte das Wir-sind-ein-Volk, bis die Asyl­bewerber unter Polizeibegleitung die Stadt verlassen mussten. An die 100 Menschen bezahlten nach der Wiedervereinigung den völkischen Terror mit dem Leben. Der Antisemitismus spielte dabei aufgrund der historischen Reminiszenz eine besondere Rolle, er war sozusagen der Beweis für die Kontinuität der volksgemein­schaftlich-nationalsozialis­tischen Gesinnung der Deutschen.

In der Verunsicherung ob dieser Entwick­lung wurde auch die eigene Tradition zum Gegenstand von Selbstkritik. Als Martin Wal­ser 1998 seine Rede wider die »Dauerpräsen­tation unserer Schande« hielt, funktionierte dies noch ganz gut: Linksradikal zu sein, hieß, sich der Befreiung der Nation von ihrer Vergangenheit zu widersetzen.

Anlässlich des ersten deutschen Krieges nach 1945, der sich 1999 nicht zufällig gegen den letzten Rest des unter deutscher Führung zuvor zerschlagenen Jugoslawiens richtete, ging die Kritik dieser Entsorgung noch Hand in Hand mit antiimperialistischen Parolen. Man brauchte nur die USA gegen Deutsch­land auszutauschen und war damit immerhin auf dem Erkenntnisstand von 1914: Der Hauptfeind steht im eigenen Land. Von da an ging’s bergab, weil der Nazi-Faschismus vom Tabu zum Präsentationsobjekt und zur Rechtfertigung militärischer Bemühungen um Menschenrechte wurde. Deutsch­land stellte sich seiner Vergangenheit, die Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit wurde zum Allgemeinplatz, zum Ticket.

Was von der Konsenslinken übrig war, blickte schon Ende der neunziger Jahre neidisch ins Ausland, wo sich die Antiglobalisierungsbewegung formierte. Schon früh entdeckten einige, die von der Selbstkritik nie etwas wissen wollten, in dieser Bewegung mit ihrer kruden Mischung aus Öko­logismus und Antiimperialismus eine Chance, end­lich eine linke Politik machen zu können, die sich an deutschen Petitessen wie sechs Millionen toter Juden nicht länger aufzuhalten braucht. Antifaschismus und Antikapitalismus fielen nicht erst nach dem 11. September 2001 auseinander, weil erstgenannter als Herrschaftskritik die strukturelle Gewalt der unmittelbaren vorzieht und in der Vermittlung von Herrschaft einen Fortschritt erkennt, während letztgenannter in seiner heutigen ideologischen Form gegen diese Vermittlung den Kult der Unmittelbarkeit von Beziehungen setzt und nicht zufällig mit den grauenhaftesten Verfallsformen kapitaler Herrschaft im Bunde ist.

»Die politischen Generationen haben zusammen­gefunden. Anders als in den neunziger Jahren gibt es wieder eine junge Linke«, freut sich Thomas Seibert vom Bündnis »Interventionistische Linke« in der taz. Mit einiger Verspätung wurde endlich erreicht, was der Rest der Nation längst schon bewältigt hat: die Versöhnung mit sich selbst. Man ist als Teil der westlichen Linken endlich in der geschichtslosen Globalität angekommen. Dass Seibert nicht wahrnimmt, was für ein strenger Geruch von der Formulierung des Zusammenfindens der Generationen ausgeht, zeigt, wie stolz man darauf ist, endlich auch sein Scherflein zur Normalisierung Deutschlands beigetragen zu haben. Schließlich hat es in den neunziger Jahren durchaus eine Generation junger Linker gegeben, sie stand aber für das antiimperialistische Generationenkomplott, anders als die Mehrheit der 68er, nicht zur Verfügung.

Eigentlich steht nach dem Zusammenfinden der Generationen nun das Zusammenfinden der Fraktionen an. Der »Ums Ganze«-Block hat den Weg gewiesen: Zehn Jahre nach der Spaltung wird so auch die Wiedervereinigung von junge Welt und Jungle World denkbar. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch!“
(Tjark Kunstreich/ Jungle World 26/07)

„Der Westen muss die Stellung halten“

Ayaan Hirsi Ali kommentiert in einem Gastbeitrag für die WELT die Proteste gegen die Erhebung des Schriftstellers Salman Rushdie in den Ritterstand durch die Queen:

„Stellen Sie sich einen Haufen Engländer vor, der mit Mohammed-Puppen, Koran-Ausgaben, Modellen der Kaaba in Mekka und saudischen Flaggen durch Londons Straßen zieht. Stellen Sie sich vor, sie entfachten ein Feuer, schleuderten alle Mitbringsel Stück für Stück hinein und riefen jedes Mal, wenn die Flammen aufloderten: „Lang lebe die Königin!“
Das wäre das Äquivalent dessen, was fanatisierte muslimische Studenten in der ostpakistanischen Stadt Multan getan haben: Sie haben Puppen der Queen und Salman Rushdies verbrannt und „Tötet ihn!“ gerufen – als Reaktion auf den Ritterschlag für Rushdie. So ein tobender Mob ist im modernen Westen selten (von Fußball-Hooligans abgesehen). In der muslimischen Welt jedoch ist er mittlerweile an der Tagesordnung; er taucht auf, sobald ein Papst, irgendein Cartoonist oder, wie jetzt, die Queen, eine Grenze übertritt, die die Mächte der Intoleranz in den Sand gezeichnet haben.
Eine immer größere Zahl von Muslimen überall auf der Welt glaubt sich in einem Kampf auf Leben und Tod, einem Kampf gegen den Westen um Macht, um Land, um begrenzte Ressourcen und Ideen. Symbole waren in jedem Krieg wichtig, sie sind es ganz besonders in der muslimischen Vorstellungswelt, die ein rigider Code von Ehre und Scham beherrscht. Und in diesem Kontext sind Symbole nicht bloß Bilder, sondern eine Frage von Leben und Tod. Sie verkörpern Ehre (die es unter Einsatz des Lebens zu verteidigen gilt) und Scham (die zu verhindern man stirbt oder tötet). Der, der tatenlos zusieht, wie seine Symbole demoliert werden, hat seine Ehre verloren.

Eine weitere Beleidigung der in ihrer Ehre Verletzten?
Der Code von Ehre und Scham gilt für die gesamte muslimische Gesellschaft – für Familie, Stamm und muslimische Nation. Und das Mitglied, das diesen Code verletzt – Salman Rushdies großes „Verbrechen“ –, muss hingerichtet werden. Rushdie hat die Ehre der Muslime auf zweierlei Weise verletzt. Er hat dem Islam den Rücken gekehrt. Und er hat dessen unfehlbaren Gründer beleidigt. Dieser Logik zufolge hat die Queen die in ihrer Ehre Verletzten nun ein weiteres Mal beleidigt. Sie schlägt Rushdie zum Ritter– und damit 1,5 Milliarden Muslime ins Gesicht. Denn in der tribalistischen Vorstellungswelt ist die folgenlose Zerstörung der eigenen Ikonen gleichbedeutend mit der Niederlage. Deren Wirklichkeitsgehalt spielt dabei keine Rolle, entscheidend ist allein die Wahrnehmung. Für viele Menschen im Westen ist die Nationalflagge nicht mehr als ein Stück Stoff, das ein paar Patrioten in Ehren halten und dem man die Ehre erweist. Für den inbrünstigen Gefolgsmann des Islam jedoch verkörpert das Banner die Ehre der Nation. Für alle Muslime (und nicht nur für Saudis) ist die saudische Fahne, was für einen gläubigen US-Katholiken beides zusammen wäre, die US-Flagge und das Kreuz. Der Schriftzug auf der saudischen Flagge ist ein islamischer Treueschwur, darunter ist ein Schwert zu sehen.

Ist der im Recht, der die Bombe zündet?
So wie jetzt, wenn ein Abbild der Queen verbrannt wird, haben die Menschen im Westen allzu oft achselzuckend auf die Demolierung ihrer Ikonen reagiert. Denn der Eindruck von Schwäche, den der Westen so hinterlässt, stachelt diese Fußsoldaten nur noch mehr an und treibt bin Laden und seinesgleichen mehr Dschihadisten in die Arme als die Kriege in Afghanistan und im Irak und der israelisch-palästinensische Konflikt zusammen. Besser wäre es, der Westen stünde zusammen und verteidigte seine Symbole und seine Zivilisation entschlossen. Auf Forderungen, sich zu entschuldigen, sollte man stoisch reagieren.
Regierungen wie die Pakistans– die das Feuer noch anheizen– sollten nicht verhätschelt, sondern zur Rechenschaft gezogen werden. Pakistans Religions-Minister, Mohammed Ijaz ul-Haq, sagte vor dem Parlament in Islamabad: „Der Westen bezichtigt die Muslime des Terrorismus. Wenn jemand eine Bombe an seinem Körper zündet, wäre er im Recht, wenn sich die britische Regierung nicht entschuldigt und den Titel des ‚Sir‘ zurückzieht.“ Dafür sollten die USA und Großbritannien seinen Rücktritt fordern.

Die Freiheit des Gewissens und der Kunst
Der nigerianische Schriftsteller Wole Soyinka hat Recht: Der Westen macht einen fatalen Fehler, wenn er es den Kräften der Intoleranz überlässt, das Feld der Beleidigung zu besetzen. Der Westen muss die Stellung halten. Indem sie Salman Rushdie zum Ritter schlägt, ehrt die Queen die Freiheit des Gewissens und der Kunst, die der Westen liebt. Das macht sie statt zu einem Symbol verlorener königlicher Macht zu einem Symbol unseres freiheitlichen Lebens. Lang lebe die Königin!“

(Ayaan Hirsi Ali/ Welt 25.06.07)

„Toleranz hilft nur den Rücksichtslosen“

Im folgenden dokumentiere ich die Dankesrede von Henryk M. Broder anlässlich der Verleihung des „Ludwig Börne Preises:

„Toleranz hilft nur den Rücksichtslosen
Ich danke Ihnen, dass sie heute hergekommen sind, um mit mir zu feiern. Wie Sie sich denken können, ist die Verleihung des Ludwig-Börne-Preises an mich nur ein kleiner Schritt vorwärts für die Menschheit, aber ein großer Schritt für mich in Richtung der Hall of Fame der großen Geister. Ich sage das in aller Unbescheidenheit und im vollen Bewusstsein, dass es zum guten Ton und zum Ritual solcher Feiern gehört, sich verwundert und überrascht zu zeigen, dass es nicht einen anderen erwischt hat, einen, der es viel mehr verdient hätte.
Sogar Kardinal Ratzinger hatte vor seiner Wahl zum Papst den Allmächtigen angefleht, er möge den Kelch an ihm vorbeigehen lassen. Nein, ich finde, Helmut Markwort hat die richtige Wahl getroffen.
Je länger ich darüber nachdachte, worüber ich heute reden sollte, umso klarer wurde mir, dass es umso besser wäre, je weniger ich sagen würde. Ich könnte, wie vor kurzem beim Münchener Amtsgericht, vor sie hintreten, ein paar Angaben zur Person machen, ansonsten die Aussage verweigern und den Rest meinen Anwälten überlassen, die heute hergekommen sind, um mich vor Dummheiten zu bewahren.
Grüß Gott, Herr Gelbart; schön, dass Sie da sind, Herr Hegemann. Aber das wäre langweilig, und Dummheiten zu begehen macht viel mehr Spaß, als Dummheiten aus dem Weg zu gehen. Und deswegen möchte ich doch die Gelegenheit nutzen und etwas sagen, auch auf die Gefahr hin, mir eine Blöße zu geben und unsouverän zu erscheinen.
Ich werde in zwei Monaten einundsechzig. Ich kam vor fünfzig Jahren mit meinen Eltern nach Deutschland, ich schreibe seit vierzig Jahren. Ich bin ein Bundesbürger mit Migrationshintergrund, ein Beutedeutscher. Meine Eltern haben den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust überlebt; als ich 1990 nach Berlin kam, war die Mauer schon gefallen, die Glienicker Brücke frei begehbar und der Potsdamer Platz noch eine Brache.
Ich weiß, ich bin ein Glückskind. Ich habe noch jeden Charterflug überlebt, letztes Jahr einen Bestseller geschrieben und eine Tochter, die soeben das Abitur gemacht hat – mit einer Note, die mich an meiner Vaterschaft zweifeln lässt.
Und doch verspüre ich immer öfter ein leises Unbehagen, sobald ich mein Arbeitszimmer verlasse und mich in die Welt begebe, und sei es nur zum Zeitunglesen ins Café Einstein. Es ist kein Katzenjammer, der aus dem Überfluss resultiert, kein Weltschmerz, der sich sich selbst genügt, es ist das Gefühl: Bin ich verrückt, oder sind es die anderen?
Von Oskar Panizza stammt der Satz: Der Wahnsinn, wenn er epidemisch wird, heißt Vernunft. Und diese Art von irrer Vernunft scheint allgegenwärtig. Wie finden Sie es, dass der Umweltminister Sigmar Gabriel demonstrativ Bahn fährt – nur um seinen Fahrer samt Dienstwagen zum Einsatzort nachreisen zu lassen? So kreuzen der Minister und sein Dienstwagen kreuz und quer durch die Republik, jeder für sich und doch vereint in dem Bemühen, die Umwelt zu schonen und mit gutem Beispiel voranzugehen. Und keiner lacht.
Ist es nicht seltsam, mit welcher Heftigkeit das Für und Wider der neuen Frisur von Ursula von der Leyen debattiert wurde? Und wenn man die Diskussionen um die Nachfolge von Sabine Christiansen und Anne Will verfolgte, musste man zu dem Schluss kommen, dass es nicht um die Besetzung zweier Fernsehsendungen, sondern eine Neuregelung der Erbfolge im Hause Habsburg ging.
Ich versuche zu verstehen, warum eine Raketenabfanganlage, die von den Amerikanern in Tschechien gebaut werden soll, den Menschen Angst macht und die Politiker von einer Wiederbelebung des Kalten Krieges phantasieren lässt, während die Tatsache, dass Iran sich zur Atommacht erklärt hat, so gelassen wie ein unvermeidliches Naturereignis hingenommen wird. Es gab keinen Aufschrei der Empörung, als der Direktor des Hamburger Orient-Instituts vor kurzem erklärte, falls Iran wirklich nach Atomwaffen strebe, dann nur deshalb, um mit dem Westen auf gleicher Augenhöhe verhandeln zu können. Teheran gehe es darum, endlich respektiert zu werden.
Europa müsse keine Angst haben, sagte der bekannte Nahost-Experte, Europa wäre „sicher das letzte Ziel, das Iran einfallen würde, falls es wirklich aggressive Absichten verfolgen sollte“. Eine Atommacht Iran wäre nur „für seine Nachbarn“ ein Problem, „für eine säkulare Türkei und natürlich für Israel“, aber Europa, das gute alte Europa, müsse sich „von Iran in keiner Weise bedroht fühlen“.
Vermutlich geht der Mann davon aus, im Falle eines iranischen Atomangriffs auf die Türkei oder auf Israel würde sein Orient-Institut vom atomaren Fallout verschont bleiben, weil er immer so nett und respektvoll über die Mullahs und deren Politik gesprochen hat. Diese Art von Entgegenkommen scheint effektiver und preiswerter zu sein als jeder Raketenschutzschild. Alternativ dazu könnte man auch den Experten selbst als Abwehrwaffe aufbauen, auf einem freien Feld irgendwo in der Lüneburger Heide oder in der Mark Brandenburg, wo er sich dann mit weit ausgebreiteten Armen den anfliegenden iranischen Raketen entgegenstellen und rufen würde: „Verschont uns! Wir sind die Guten!“
Das sind die Momente, in denen ich mich wirklich frage: Bin ich verrückt, oder sind es die anderen? Und wenn es dann auch noch heißt, das Existenzrecht Israels sei nicht verhandelbar, es stehe nicht zur Disposition, höre ich aus solchen Zusicherungen das Gegenteil heraus.
Wie würden Sie reagieren, wenn Ihr Nachbar Ihnen jeden Tag versichern würde, er habe nicht vor, Sie umzubringen, Ihre Frau zu vergewaltigen und hinterher Ihr Haus abzufackeln? Die meisten von Ihnen würden das Problem vermutlich ignorieren, einige besonders Mutige würden den Nachbarn zu einem therapeutischen Gespräch einladen, sich von seiner schweren Kindheit berichten lassen und ihn davon zu überzeugen versuchen, dass man mit Gewalt keine Probleme lösen könne.
Und genau das ist es, was derzeit in Europa passiert. Alle wissen, es gibt ein Problem. Keiner weiß, wie man es lösen könnte. Also wird es entweder ignoriert, oder man sucht nach einem therapeutischen Ansatz, um wenigstens etwas Zeit zu gewinnen. Der Mann in Teheran, der sich eine „World without Zionism“ wünscht, der den letzten Holocaust leugnet und den nächsten plant, der sei doch nur ein Angeber und Wichtigtuer, ein Verbalradikaler, der sich mit markigen Sprüchen gegen seine Konkurrenten daheim zu profilieren versuche. Er meine es nicht so, und falls er doch an einer Atombombe baue, werde diese frühestens in drei bis fünf Jahren fertig sein. Kein Grund also, beunruhigt zu sein, zumal im schlimmsten aller Fälle es nur die säkulare Türkei und „natürlich Israel“ erwischen würde.
Ich hatte es mir vorgenommen, heute ausnahmsweise nichts zur Appeasement-Politik der Europäer gegenüber dem neuen Totalitarismus zu sagen, der die Tradition des Faschismus und Kommunismus aufnimmt, um sie diplomatisch und technologisch weiterzuentwickeln. Ich mag mich nicht wiederholen. Freilich: Wir haben es immer wieder mit derselben Situation zu tun: Dem Tatendrang der einen Seite, die sich als der bewaffnete Arm Gottes versteht, steht das hilflose „Nie wieder!“– und „Wehret den Anfängen!“-Gestammel der anderen Seite gegenüber, die nicht gemerkt hat oder nicht merken will, dass die Anfänge schon lange vorbei sind. Das Engagierteste, das man von ihr erwarten kann, ist das alljährliche Gedenken an die Befreiung von Auschwitz, denn nicht nur in Deutschland, in ganz Europa wird der Kampf gegen die Nazis umso heftiger geführt, je länger das Dritte Reich tot ist.
Wenn sich aber ein deutscher Angler in Grenzgewässern versegelt und anschließend zu achtzehn Monaten Gefängnis verurteilt wird oder fünfzehn britische Soldaten festgenommen und der Welt als Spione vorgeführt werden, dann macht sich Ratlosigkeit breit; man möchte den Dialog mit dem despotischen Regime nicht gefährden und auf keinen Fall mit Sanktionen drohen, denn das würde die Lage nur verschlimmern.
Einer der britischen Soldaten brachte die Situation nach seiner Freilassung und Heimkehr auf den Punkt. Er sagte: Fighting was no option. Wozu wird dann einer Soldat, wenn Kämpfen keine Option ist? „Fighting is no option“ wäre ein schönes Motto für die europäische Verfassung, man sollte den Satz auch auf alle Euroscheine drucken.
Aber ich will heute nicht granteln und nicht zürnen, mich nicht über den Verfall der Werte und die Volksmusikabende im öffentlich-rechtlichen Fernsehen aufregen. Ich will mich am liebsten überhaupt nicht mehr aufregen. Ich finde die vielen hauptamtlichen Aufreger nur noch lächerlich. Sie sitzen bei Christiansen, bei Illner oder im Presseclub und geben Sätze von sich, die sich so anhören wie ein rostiges Gartentor, das man vor zehn Jahren zuletzt geölt hat. Vor die Wahl zwischen Depression und Aggression gestellt, habe ich mich immer für die Aggression entschieden. Das erschien mir bekömmlicher. Inzwischen freilich suche ich nach einem dritten Weg, nicht weil ich weiser, sondern weil ich müder geworden bin. Irgendwann fiel mir auf, dass mein Blick öfter von Anzeigen für Seniorenresidenzen und den Treppenlift von Lifta als von der Werbung für Dessous von Victoria’s Secret angezogen wird. Ich bin darüber so erschrocken, dass ich mich inzwischen dazu zwinge, Berichte über das Liebesleben der Jungs von Tokio Hotel zu lesen, um den Anschluss an die Moderne nicht zu verlieren.
Aber diese Strategie der Ablenkung kostet Kraft, und sie funktioniert nur bedingt. Denn allen guten Vorsätzen zum Trotz rege ich mich immer noch auf, öfter und heftiger, als ich es möchte. Um am Ende immer wieder bei der Frage zu landen: Bin ich verrückt, oder sind es die anderen? Ist es wirklich wahr, oder habe ich es mir nur eingebildet, dass der Intendant eines Berliner Theaters über die Killer, die unter dem Markenlogo RAF anderer Menschen Blut vergossen haben, sagt, sie seien „keine gewöhnlichen Mörder“ gewesen, „die töteten, um sich zu bereichern“, sondern fehlgeleitete Idealisten ohne materielle Interessen, die „etwas gegen die Ermordung von Hunderttausenden von Kindern und Frauen“ in Vietnam unternehmen wollten?
Abgesehen davon, dass auf dem Höhepunkt der RAF-Aktionen der Vietnamkrieg schon vorbei war, müsste nach einem solchen Satz die Erde beben – so lange, bis der Intendant vom eigenen Orchestergraben verschluckt wird.
Kann es wirklich sein, dass der rechtskräftig verurteilte Mörder eines elfjährigen Kindes mit einer Beschwerde vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg Erfolg hat, weil seine Menschenrechte durch die Androhung körperlicher Schmerzen beim polizeilichen Verhör verletzt wurden? Er habe, berichtete der Anwalt der Mörders, „ergriffen und tief berührt“ auf die gute Nachricht aus Straßburg reagiert, dass der Gerichtshof seine Beschwerde zur Entscheidung angenommen habe. Und wenn das Verfahren aufgerollt wird, stehen die Chancen nicht schlecht, dass es mit einem Freispruch beendet wird, weil die Regeln eines fairen Verfahrens verletzt wurden.
Ich weiß, auch ein Mörder hat einen Anspruch auf einen Prozess nach den Regeln der Strafprozessordnung, aber ein elfjähriges Kind, dessen Recht auf Leben missachtet wurde, hat einen Anspruch darauf, dass der Mörder nicht zum Opfer seiner eigenen Tat stilisiert wird. Theoretisch sind das alles Selbstverständlichkeiten, über die man eigentlich nicht reden müsste.
Dass es praktisch keine Selbstverständlichkeiten sind, hat damit zu tun, dass der gesunde Menschenverstand außer Kraft gesetzt und durch drei Untugenden ersetzt wurde: Äquidistanz, Relativismus und Toleranz.
Ja, sie haben sich nicht verhört: Ich sagte Toleranz. Toleranz war das Gebot der Zeit, als Lessing seinen Nathan in eine Welt setzte, die vertikal organisiert war. Die einen waren oben und die anderen waren unten, und dazwischen war wenig. Aber in horizontal organisierten Gesellschaften, in denen es kein Oben und kein Unten, sondern ein breites Spektrum an homogenisierten Angeboten gibt, unter denen man wählen kann, in horizontal organisierten Gesellschaften kommt das Toleranzgebot nicht den schwachen, sondern den Rücksichtslosen zugute. Sie sind es, die mit der Toleranzkeule um sich schlagen und Rechte einfordern, die sie anderen verweigern.
Wir werden täglich aufgerufen, für alle möglichen Fundamentalismen und Fanatismen Verständnis zu haben und Toleranz zu praktizieren, Vorleistungen zu erbringen, ohne Gegenleistungen zu erwarten. Ein deutscher Nobelpreisträger hat den Vorschlag gemacht, eine Kirche in eine Moschee umzuwidmen, als GoodwillGeste den Muslimen gegenüber. Bis jetzt warten wir vergeblich auf den Vorschlag eines islamischen Intellektuellen, eine Moschee in eine Kirche umzuwandeln, denn so eine Idee, öffentlich geäußert, könnte ihn sein Leben kosten. So wie es einen afghanischen Muslim fast das Leben kostete, als er zum Christentum konvertierte. Er entging der Todesstrafe nur dadurch, dass er für verrückt erklärt wurde, nachdem sich Politiker von Angela Merkel bis Kofi Annan seiner angenommen hatten.
Toleranz steht auf dem Paravent, hinter dem sich Bequemlichkeit, Faulheit und Feigheit verstecken. Toleranz ist die preiswerte Alternative zum aufrechten Gang, der zwar gepredigt, aber nicht praktiziert wird.
Wer heute die Werte der Aufklärung verteidigen will, der muss intolerant sein, der muss Grenzen ziehen und darauf bestehen, dass sie nicht überschritten werden. Der darf „Ehrenmorde“ und andere Kleinigkeiten nicht mit dem „kulturellen Hintergrund“ der Täter verklären und den Tugendterror religiöser Fanatiker, die Sechzehnjährige wegen unkeuschen Lebenswandels hängen, nicht zur Privatangelegenheit einer anderen Rechtskultur degradieren, die man respektieren müsse, weil es inzwischen als unfein gilt, die Tatsache anzusprechen, dass nicht alle Kulturen gleich und gleichwertig sind.
Wer sich zur selektiven Intoleranz bekennt, der wird auch darauf achten, nicht in die Falle der Äquidistanz und des Relativismus zu tappen. Inzwischen kann man auf jeder Tupperware-Party Punkte sammeln, wenn man nur erklärt, George Bush und Osama Bin Laden seien aus demselben Holz geschnitzt, die Zahl der Menschen, die bei Terroranschlägen ums Leben kommen, sei viel kleiner als die Zahl der Verkehrstoten, und die christlichen Kreuzfahrer hätten viel mehr Blut vergossen als die islamischen Terroristen heute. So kann man sich aus der Wirklichkeit schleichen, aber man entkommt ihr nicht. Ich wäre nicht überrascht, wenn demnächst eine Kannibalen-Selbsthilfegruppe ihre Anerkennung als Alternative zur vegetarischen Lebensweise fordern würde, zeichnen sich doch beide durch eine gewisse Einseitigkeit aus.
Vor kurzem hat ein Berliner Verwaltungsgericht zugunsten einer politischen Gruppe entschieden, die zu einer Anti-Kriegs-Demonstration aufgerufen hatte. Der Berliner Polizeipräsident hatte den Veranstaltern untersagt, bei der Demo Fahnen und andere Symbole der Hisbollah zu führen. Die Demonstranten aber fühlten sich eines Grundrechts beraubt und riefen das Gericht an. Das entschied, die Hisbollah sei Partei in einem bewaffneten Konflikt, bei dem man sowohl die eine wie die andere Seite unterstützen könne. Und so werden die Kinder und Enkel der Judenmörder von gestern demnächst unter der Fahne der Judenmörder von morgen für eine gerechte Endlösung der Nahost-Frage demonstrieren.
Womit ich wieder bei der Mutter aller Fragen wäre: Bin ich verrückt, weil ich so etwas absurd und obszön finde, oder sind es die anderen, die nichts dabei finden? Habe ich ein Wahrnehmungsproblem oder der Präsident des Frankfurter Landgerichts, der mich wegen Beleidigung angezeigt hat, weil ich mir erlaubt habe, darauf hinzuweisen, die Richter der Bundesrepublik seien „die Erben der Firma Freisler“? Offenbar habe ich etwas übersehen. Die Bundesbahn ist die Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn, die Bundeswehr ist die Rechtsnachfolgerin der Reichswehr und der Wehrmacht, die ganze Republik trägt schwer am Erbe des Dritten Reiches. Nur die Wiege der bundesdeutschen Justiz stand ganz allein in einer Suppenküche der Heilsarmee, wo sonst.
Ich bin mir durchaus der Absurdität des Augenblicks bewusst. Ich bekomme einen Preis, der nach einem Juden benannt ist, der an Deutschland gelitten hat. An Deutschland zu leiden scheint überhaupt eine sehr jüdische Tugend zu sein: von Börne und Heine über Jakob Wassermann zu Wolf Biermann und Marcel Reich-Ranicki. Ich möchte mich dieser Tradition gerne verweigern. Wenn ich schon leiden muss, dann nicht an Deutschland, sondern an meiner eigenen Unvollkommenheit. Ich weiß, welche Rolle ich spiele: die des jüdischen Pausenclowns, der in einer großen Manege seine kleinen Kunststücke vorführen darf. Ich will gar nicht bestreiten, dass es mir Spaß macht und dass ich es gerne mache, meine Clownereien sind ein Beweis dafür, wie liberal die Gesellschaft geworden ist, die sogar meine Grenzverletzungen goutiert, solange sie dabei unterhalten wird.
Ich habe mich in einer Nische eingerichtet, aus der ich manchmal zu entkommen versuche: nach Island, nach Kalifornien, weit weg von deutschem Größenwahn, jüdischer Wehleidigkeit und multikulturellen Missverständnissen. Und dann zieht es mich doch zurück in die Arena der Eitelkeiten, zu den anderen Pausenclowns, die mit dem Finger aufeinander zeigen und sich gegenseitig vorwerfen, Profiteure der repressiven Toleranz zu sein.
Die Frage, ob ich verrückt bin oder die anderen, werden wir heute nicht klären können, sie muss offen bleiben, vorläufig. Ich weiß nur, dass ich nicht der Einzige bin, der sie sich stellt. Jemand, dem ich viel verdanke, bei dem ich viel gelernt und einiges geklaut habe, hat sie sich immer wieder gestellt: der Geschichtenerzähler und Kabarettist Hanns Dieter Hüsch, das Schwarze Schaf vom Niederrhein. Hüsch war, ohne selbst den Anspruch zu erheben, ein Philosoph oder, wie man auf Jiddisch sagen würde: a Mensch. Er hat von der „Solidarität der Einzelidioten“ gesprochen und viele wunderbare Texte geschrieben, darunter einen, der in meinem Kopf rumort, seit ich ihn das erste Mal gehört habe. Erlauben Sie mir, als Verbeugung vor einem großen Meister der Sprache Ihnen diesen Text vorzulesen:
Ich sing für die Verrückten
Die seitlich Umgeknickten
Die eines Tags nach vorne fallen
Und unbemerkt von allen
An ihrem Tisch in Küchen sitzen
Und keiner Weltanschauung nützen
Die tagelang durch Städte streifen
Und die Geschichte nicht begreifen

Die sich vom Kirchturm stürzen
Die Welt noch mit Gelächter würzen
Und für den Tod beizeiten
Sich selbst die Glocken läuten
Die mit den Zügen sich beeilen
Um nirgendwo zu lang zu weilen
Die jeden Abschied aus der Nähe kennen
Weil sie das Leben Abschied nennen
Die auf den Schiffen sich verdingen
Und mit den Kindern Lieder singen
Die suchen und die niemals finden
Und nachts vom Erdboden verschwinden

Die Wärter stehen schon bereit mit Jacken
Um werkgerecht die Irrenden zu packen
Die freundlich auf den Dächern springen
Für diese Leute will ich singen
Die in den großen Wüsten sterben
Den Schädel längst schon voller Scherben
Der Sand verwischt bald alle Spuren
Das Nichts läuft schon auf vollen Touren
Die sich durchs rohe Dickicht schieben
Vom Wahnsinn wund und krank gerieben
Die durch den Urwald aller Seelen blicken
Den ganzen Schwindel auf dem Rücken

Ich sing für die Verrückten
Die seitlich Umgeknickten
Die eines Tags nach vorne fallen
Und unbemerkt von allen
Sich aus der Schöpfung schleichen
Weil Trost und Kraft nicht reichen
Und einfach die Geschichte überspringen
Für diese Leute will ich singen.
Hanns Dieter, ich danke dir. Und ich danke Ihnen, dass Sie mir zugehört haben.“