Archiv für Januar 2007

Die Antwort auf Auschwitz


Es waren die Soldaten der 107. Infanterie-Division der 60. Armee der Roten Armee, unter der Kommandantur von General Konjew, die am Mittag des 27. Januar 1945 durch die Tore auf das Gelände des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau kamen.
Sie fanden dort nur 7000 Menschen, letzte Überlebende von dem, was vier Jahre lang eine Fabrik des größten Massenmordens der Geschichte war. Eine Million und 200.000 Juden wurden zur Wegkreuzung von Auschwitz-Birkenau geschickt, durchliefen die Selektion und wurden in den meisten Fällen sofort in die Gaskammern geschickt – der technologische Beitrag der Deutschen zur Massenvernichtung. Ihre Leichen wurden verbrannt; die Wenigen, die für die Zwangsarbeit für tauglich erklärt wurden, verhungerten, erfroren, starben durch Folter und letztendlich auf dem Todesmarsch.
„Ein Ort“, so schreibt Prof. Raoul Hillberg, „wurde zum Symbol des Holocausts an den Juden in Europa: Auschwitz“. Dieses Lager war dazu bestimmt, die „Endlösung“ des „Judenproblems“ in Europa durchzuführen: sie alle zu ermorden. Männer und Frauen, Alte und kleine Kinder, Gesunde und Kranke, Kommunisten und Revisionisten, Bärtige und Rasierte. Aus dem Westen, dem Osten, aus dem Balkan – jeder, den die deutsche Rassenlehre als „jüdisch“ definierte, war zum Tode verurteilt, auf dem Weg in die Gaskammer, bis zum letzten Moment.
Erst als sie die sowjetische Armee von Nahem sahen, legten die Deutschen die Todesindustrie in Auschwitz-Birkenau still. Das Team des Lagers erhielt aus Berlin die Anweisung, jeden Beweis, leblos oder noch am Leben, zu vernichten. Die Gaskammern und Brennöfen wurden abgebaut und gesprengt und ihre Betreiber ermordet. Die Lager, in denen die Kleidung der Toten und deren persönliche Habe aufbewahrt wurde, gingen zusammen mit Bergen von Dokumenten in Flammen auf.
Der letzte der SS-Soldaten verließ das Lager am 24. Januar. Der Schriftsteller Primo Levi, Gefangener des Lagers, schrieb über diesen Tag in seinem Buch mit dem Titel „Ist das ein Mensch?“: 24. Januar. Freiheit… keine Deutschen mehr, keine Selektion mehr, keine Zwangsarbeit, keine Schläge, keine Appelle… aber niemand konnte die neue Situation genießen: auf jedem Schild war der Engel des Todes und der Zerstörung.“
Nach Auschwitz stellten die Schriftsteller und Philosophen ihre Arbeit ein. Es war unmöglich Dichtung zu schreiben oder Gedanken zu verfassen. Die menschlichen Grundordnungen hatten sich von Grund auf geändert. Sie irrten sich. Die Erinnerung an Auschwitz bleibt wie eine blutende Wunde auf dem Gewissen Europas zurück. Doch sie hinderte seine Einwohner nicht daran, Zerstörtes wieder aufzubauen, Kinder in die Welt zu setzen, Theaterveranstaltungen zu genießen, ihr Brot zu verdienen, Dichtung zu lesen – und sogar Antisemiten zu sein.
Bis heute wurde keine befriedigende Antwort auf die Frage gegeben „Wie konnte Auschwitz geschehen?“ und vielleicht gibt es keine Antwort: K. Zetnik, ein überlebender Schriftsteller, nannte die Vernichtungslager „andere Planeten“ und verschloss sie so dem menschlichen Verstand. „Wir sagen Auschwitz“, schreibt Prof. Israel Gutman, einer der führenden Erforscher der Shoah in Israel und weltweit, selbst Überlebender von Auschwitz, „und meinen das Zentrum der Folterungen und des unfassbaren Schreckens, die Essenz des Bösen und des Grauens, das Menschen angetan wurde.“
Gibt es etwas Schlimmeres als Juden in den Tod zu schicken, ihnen ihre Würde zu nehmen, ihnen ihre Zähne und ihr Kopfhaar zu rauben, sie zu Zahlen zu machen, sie in den Brennöfen von Treblinka und Auschwitz zu vergasen und einzuäschern? Die Antwort ist ja: All diese schrecklichen Dinge zu tun – und sie zu leugnen!
Die Gedenkveranstaltungen dieser Tage haben pädagogische, moralische und globale Bedeutsamkeit. Doch wird man aus ihnen die richtige Lehre ziehen? Nur die Existenz eines starken Staates Israel kann sicherstellen, dass es nicht zu einem zweiten „Auschwitz“ kommt. Für sechs Millionen Juden wurde der Staat Israel zu spät gegründet.
Der Staat Israel und nichts anderes ist die Antwort auf Auschwitz.
Das dürfen wir nie vergessen.

Vier Geschichten von mir

Die Woche begann mit einer puren Horrorshow: Ich war auf der Arbeit und wollte mir gerade einen Günen Tee machen als plötzlich heftiges Bellen gefolgt von schrillem Kreischen ertönte. Sofortiges Nachsehen brachte zu Tage, dass einer Freundin von einem ihrer eigenen Hunde ein Stück ihrer Hand abgebissen wurde. Aus ihrem Fingerstumpf schoss das Blut in einer Fontaine hervor, die jeder Cradle of Filft Show Konkurrenz gemacht hätte. Obwohl wir das abgebissene Stück gleich auf Eis betteten und der Krankenwagen auch schon nach 5 Minuten am Start war, konnte das Stück leider nicht mehr angenäht werden…Die beiden verantwortlichen Hunde waren indes schon einschlägig bekannt, so hatten sie zum Beispiel mal ´ne Halbe Schafherde gerissen…Nichts desto trotz wird die Besitzerin, eine überzeugte Tierfreundin, die beiden Psychos behalten, obwohl ich schon angeboten habe, für deren Einschläferung zu Sammeln.

Später schrie mich bei anderer Gelegenheit eine Polizistin an „Verschwinde, du miese Studentenschwuchtel!“, dabei kannte die mich gar nicht! Bei derselben Gelegenheit war anscheinend auch der Bruder einer anderen Polizistin zugegen, die die ganze Zeit rief:“ Ey Johnny, hör auf mit dem Scheiß, komm da weg, wenn das die Eltern erfahren! Los Johnny, ich sag das Mama und Papa…“ Worauf Johnny nur meinte: „Ne, ich bleibe, ich hab keine Angst mehr vor Mama und Papa, du Bullenvotze..“(und das, obwohl andere Leute schon wegen zivilisierterer Ausdrücke eine Anzeige wegen Beamtenbeleidigung verpasst gekriegt haben..)

Am folgenden Tag wedelte der lokale RCDS-Vorsitzende, der im übrigen beim total öden StudiVz in der Gruppe „anti-antifa“ ist, mit einem pinken RCDS-Kugelschreiber vor meiner Nase und meinte: „Na Cliff, der gefällt dir, was?“ als ich im Rahmen der StuPa-Wahl meine Stimme abgeben wollte um Leuten wie ihm die Tour zu vermasseln . Eigentlich wollte ich darauf hin meinen Penis rausholen, damit wedeln und fragen: „Na, Patrick der gefällt dir, was?“ Aber da ein Hund in der Nähe war und mir die Geschichte vom Anfang der Woche noch sehr nah ging, verzichtete ich.

Abschließend hatte ich noch ein interessantes Gespräch mit einem befreundeten Anglistik-Professor, der mir freimütig erzählte, dass sein Freund total auf „Natursekt“ stehe und sie sich daher immer vor dem „Benutzen der Geschlechtswerkzeuge“ (Kant) ein harntreibendes Medikament verabreichen würden um somit alle 20 Minuten eine Golden Shower nehmen zu können. Wahrscheinlich kann man das ganze auch mit einem einfachen Nieren-Blasentee haben, aber erlaubt ist was gefällt!

„…das hier sind nur vier Geschichten von mir..“– Tocotronic

„Und 33 war Adolf Hitler Gottes Sohn“


Wie ich bei nada erfahren musste lösen sich Blumfeld (also die Band, über die ein gewisser Harald Peters 1999 in der Jungle World schrieb „Die Spice Girls, die Backstreet Boys oder Xavier Naidoo können sowas besser. Die vorgeschobene Ernsthaftigkeit ist hier durch die doppelt ironische Wendung schon wieder reaktionär. Die pubertäre wird Geste berechnend vorgeführt. Blumfeld sind keinen Meter Pop, weil sie zu lang darüber nachgedacht haben, wie sie Pop werden könnten. Pop ist leicht, ist mißverständlich, ist oberflächlich, mehrdeutig und plakativ und billig. Blumfeld sind eindimensional und tiefschürfend, kalkuliert und eindeutig. Blumfeld haben kein Geheimnis, die Münchner Freiheit hat Tausende.“) auf!
Damit bleiben vom Hamburger Triumvirat nur noch Die Sterne und Tocotronic (welche uns immerhin dieses Jahr mit einem neuen Album beglücken werden) übrig. Traurig, Traurig (wenn auch nicht „Tausend Tränen tief“), auch weil ich nie die Gelegenheit hatte, Blumfeld im Gegensatz zu den anderen beiden live zu erleben. Traurig aber auch, dass viele jetzt sagen „Na klar, das letzte Album war ja auch scheisse“..Na und? Mein Blumfeld Lieblingsalbum war sowieso deren Debüt „Ich-Maschine“ aus dem Jahr 1992, dessen Titeltrack ich hier mal zum Abschied zitieren möchte.

„Zurück zum Haus
zwischen den Gleisen und dem Garten,
in dem die Apfelbäume warten, auf die ich kletterte
mich vor Erdanziehung rettete bis jemand rief
und ich dann in die Küche lief auf meinen Platz,
den ich verließ wie einen Glauben
wie die Klassenzimmer, Sportplätze, Partykeller
Sicherheitszonen geschaffen von Eltern
und Menschen, die in Luftschutzbunkern wohnen,
in denen Du sonst nichts vermißt außer Dir selbst
und sobald du Dich fragst, wer das ist
und ob Du Dir so wie Du bist gefällst
wird das der Moment, in dem Du das Gebäude verläßt
mit ihm einen Berg von Leichen, Deine
ich sah meine auf den Schienen bei gestellten Weichen
ein letztes Mal die Köpfe schüttelnd liegen
und fuhr fort und drüber weg
fuhr fort und drüber weg

fuhr fort und drüber weg
als unsichtbares Sexsymbol,
das den Gedanken lauter werden läßt,
wenn Dich im Dunkeln mit mir Dein Tastsinn verläßt
wie man liebe macht
hat uns nicht nur um den Beischlaf,
sondern auch um den Verstand gebracht
und zölibatäre Linguisten, Leer/Lehrkörper und Theisten
haben sich hoffentlich totgelacht
und nicht bloß wie sonst ins Fäustchen gemacht,
weil die wollen, daß wir werden sollen wie sie

bleibt nur: weiter, weiter, weiter
soziale Randgruppen auf dem Weg zu sich selbst
die Geschichte ist alt und wird älter
auf Tanzflächen, Tresen, Vinyl und Papier, Zelluloid und bei Dir
heissen hier: Ü-Räume; sind Sicherheitszonen in der Realität
ein Lebender, der nicht weiß, wie das geht, steht vor dem Haus
steht zwischen den Gleisen und dem Garten,
in dem die Apfelbäume warten“

Vielleicht sollten Bands eh Schluss machen, wenn ihre Abspaltungsprodukte, in diesem Fall Kante, die besseren Alben rausbringen..? Vielleicht wird Jochen Diestelmeyer, über den Rocko Schamoni schrieb
„Jochen saß oft schweigend daneben und dachte nach. Er war ein bisschen unser Sonderling, professoral zerstreut und gleichzeitig sehr überlegt, verbrauchte er seine meiste Energie zum Reflektieren, während er als einziger von uns immer einen Likör vor sich hatte. Er linste uns durch die dicken Gläser seiner Nickelbrille an und schließlich gab er einen Satz von sich, der ungefähr wie folgt geklungen haben dürfte: „Weg ist klar, Ziel ist klar, die Zeit der Grabenkämpfe ist vorbei, wir müssen unsere sensitive Produktivität bündeln, intellektuelle Zärtlichkeit kann als Waffe ungemein klärend wirken, legen wir uns auf den Boden und schießen uns selber ab!“"
jetzt aber auch ein Denkmal in seiner Heimatstadt Bielefeld gebaut? Mein Kopf ist auf jeden Fall voll mit Blumfeld-Zitaten und nachdem ich gestern das „Vergnügen“ hatte, Heinz Rudolf Kunze zu treffen, weiß ich eine Band wie Blumfeld erst recht zu schätzen, musikalisch, optisch und auch sonst!

Oriana & Muhammad

Jetzt habe ich doch glatt verpasst, Ex-Cassius Clay Muhammad Ali am 17.1 zum 65. Geburtstag zu gratulieren, was ich nun aber mit einem ihn betreffenden Auszug aus Oriana Fallacis letztem Buch „Die Macht der Vernunft“ nachholen möchte:

„Ich hielt ihn für einen Scherz der Natur, Muhammad Ali, geb. Cassius Clay, und nahm ihn nicht ernst. Wie kann man denn auch jemanden ernst nehmen, der sagt: „Ich bin der Größte, der Schönste. Ich bin so schön, dass ich eigentlich drei Frauen pro Nacht verdient hätte. Ich bin so groß, dass nur Allah mich k.o. schlagen kann.“ Oder: „Ich habe den Namen Muhammad gewählt, denn Muhammad bedeutet >jeder Verheißung würdig<“ Oder: „Ob ich je einen Brief geschrieben, je ein Buch gelesen habe? Wahrhaftig nicht. Ich schreibe keine Briefe und lese keine Bücher. Das brauche ich nicht, weil ich mehr weiß als ihr alle. Ich weiß zum Beispiel, dass Allah ein älterer Gott ist als euer Jahwe und euer Jesus, und das Arabisch eine ältere Sprache ist als Englisch. Englisch ist erst vierhundert Jahre alt.“ Oder: „Was ich nach dem Boxen mache? Na ja, vielleicht werde ich Staatschef in einem afrikanischen Land, das ein Oberhaupt braucht und sich fragt: Warum nehmen wir nicht Muhammad Ali, der so stark und schön und mutig und fromm ist?“ Oder: „Wenn ich nicht in Florida, sondern in Alabama leben würde, würde ich für die stimmen, die nicht dafür sind, dass Weiße und Schwarze sich mischen. Ich würde keinen Typen wie Sammy Davis, die eine blonde Schwedin heiraten. Hunde sollen unter sich bleiben, Filzläuse sollen unter sich bleiben, Weiße sollen unter sich bleiben.“
Ich will damit sagen, auch vom menschlichen Standpunkt aus fand ich nichts Ehrenwertes an diesem dummen, bösartigen, ungebildeten vierundzwanzigjährigen Angeber, der nur gut boxen konnte und basta. Es gab jedoch den ein oder anderen Moment, in dem mir Zweifel kamen, dass es ein Fehler sein könnte, ihn nicht Ernst zu nehmen. Kurz und gut, dass sein Verhalten von größerer Bedeutung war, als es den Anschein hatte. Das erste Mal (es gab zwei Treffen), als er mit einem Satz herausplatzte, der des Voltairischen Protagonisten würdig gewesen wäre, der aus Liebe zu Mohammed seinen Papa umbringt. „Elijah Mohammed liebe ich mehr als meine Mutter. Denn Elijah Mohammed ist Muslim und meine Mutter Christin. Für Elijah Mohammed würde ich sogar sterben. Für meine Mama nicht.“
Das zweite Mal, als die Black Muslims, die sein Haus bevölkerten, auf mich losgingen. Er verhielt sich nämlich sehr feindselig. Voller Groll. Anstatt meine Fragen zu beantworten, schnaufte er, kratzte sich, vertilgte riesige Scheiben Wassermelone und rülpste mir mitten ins Gesicht. (Absichtlich wohlgemerkt. Um mich zu beleidigen. Um mich daran zu erinnern´, dass Filzläuse wie Weiße unter sich bleiben sollen. Nicht um seinen Magen zu erleichtern, also aus bloßer Unzivilisiertheit.) Es waren derart zyklopische, laut tönende, stinkende Rülpser, dass ich am Ende die Geduld verlor. Ich warf im das Mikrofon des Rekorders ins Gesicht, stand auf und wandte mich mit einem sakrosankten „Go to Hell“ zum Gehen. Draußen wartete mein Taxi. Nun, zuerst reagierte er nicht. Sprachlos vor Staunen blieb er mit der soundsovielten, halb erhobenen Scheibe Wassermelone sitzen und hatte nicht einmal die Kraft, mich mit einem seiner unerbittlichen Knock-outs niederzustrecken. (Ein Schubs mit dem Daumen hätte in meinem Fall genügt.) Die Black Muslims dagegen verfolgten mich. Angeführt von seinem geistlichen Berater (einem gewissen Sam Saxon), erreichten sie das Taxi, in das ich inzwischen eingestiegen war, brüllten „dreckige Christin“ und umringten es. Sie hämmerten darauf ein, hoben es hoch, versuchten, es umzustürzen und..Die Straße war menschenleer. Dem entsetzten Fahrer (ein Schwarzer mit einem koptischen kreuz am Hals) gelang es nicht, den Motor anzulassen und wegzufahren. Wäre nicht zufällig eine Polizeistreife vorbeigekommen (ein Wunder, das meinen Unglauben auf eine harte Probe stellte), könnte ich diese Geschichte heute nicht erzählen.“
(Oriana Fallaci: Die Kraft der Vernunft, 2004, S. 141-144.)

Gegen die Ströbele-Deutschen


Am 21. Januar mit JA stimmen!

Sehr geehrte Wählerinnen und Wähler in Friedrichshain-Kreuzberg,

am 21. Januar sind Sie aufgerufen, per Bürgerentscheid darüber abzustimmen, ob die Umbenennung eines Teils der Kreuzberger Koch- in Rudi-Dutschke-Straße zurückgenommen werden soll. Auch wenn die Redaktion BAHAMAS ganz bestimmt keine Agentur zur Politikberatung ist, so möchte sie doch Ihnen, die Sie die Möglichkeit zur Stimmabgabe haben, eine Wahlempfehlung geben: Stimmen Sie bitte am 21. Januar mit „Ja“, d.h. gegen die Umbenennung der Kochstraße.

Wir wissen genauso wenig wie Dutschkes engster Kampfgenosse Bernd Rabehl, ob “der Rudi” heute mit ihm gemeinsam die NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag beraten würde. Wir wissen aber aus Pamphleten des Prof. Rabehl, dass der Rudi schon zu Zeiten der Subversiven Aktion und erst recht des SDS selbst von seinem Genossen Bernd nur schwer zu bremsen war, „Besatzer raus aus Deutschland!” zu fordern. Auch wissen wir nicht, ob Dutschke sich als aufrechter Deutscher in seinem Hass auf die Vereinigten Staaten von Amerika noch von der NPD hätte übertreffen lassen. Wir wissen aber aus Rudis Schriften und seinen unzähligen Verbalinjurien gegen den „US-Faschismus”, dass „der Rudi“ die Amerikaner als die schlimmeren Nazis einschätzte und wohl einen guten Irving für Linke abgegeben hätte. Wir wissen ebensowenig, ob Rudis „Gretchen” Recht hat, und „der Rudi“ in seinem Selbstverständnis gar kein Nationalrevolutionär war. Wir wissen aber aus seinen Tagebüchern, dass er mit aller Konsequenz und Hingabe wie einer gedacht hat und wir wissen, dass „der Rudi“ die Ressentiments des linken NSDAP-Flügels in Deutschland wieder salonfähig gemacht hat – ausgerechnet als Parolen des „antiautoritären Flügels“ des SDS.

Wir wissen nicht, welchen genaueren Anteil „der Rudi“ daran hat, dass die Phantasien über die geheime Macht des Springer-Verlages bis heute den Vergleich mit denen über die Protokolle der Weisen von Zion oder 9/11 nicht scheuen brauchen. Wir wissen aber, dass Dutschke maßgeblich zu der heute noch gängigen Wahnvorstellung beigetragen hat, das deutsche Volk hätte, um im NS die Erfüllung seiner Wünsche zu sehen, erst manipuliert werden müssen, und die Manipulateure obendrein nicht im Reichspropagandaministerium gesessen hätten, sondern im Springer-Hochhaus in der Kochstraße arbeiteten.

Auch halten wir es für müßig darüber zu spekulieren, was aus den Grünen geworden wäre, wenn „der Rudi“ nicht 1979 abgedankt hätte. Eine neue etymologische Bedeutung des Wortes Rudi-mente aber ergibt sich in Kreuzberg-Friedrichshain. Hier darf mit einigem Recht einer die geistige Dutschke-Nachfolge für sich beanspruchen, der sich mit einem Direktmandat in den Bundestag „reinwählen” ließ, um der Außenwelt zu zeigen, dass man in diesem Bezirk der CDU noch viel schlechtere Wahlergebnisse bescheren kann als es die Zonis im Ostteil der Stadt tun. Auch wenn der grüne Christian nie wie der rote Rudi Ende der 70er das offene Bündnis mit Eso- und Öko-Faschos vom Schlage Springmann und Gruhl herstellen wollte, so ist es doch ein offenes Geheimnis, dass des grünen Christians Wahlerfolg der letzten Jahre in direkt proportionalem Verhältnis zur stetig zunehmenden Anzahl von neuen Bio- und Eso-Läden nicht nur am Kreuzberger Heinrich-Platz oder in der Skalitzer Straße steht.

Sehr geehrte Wählerinnen und Wähler in Friedrichshain-Kreuzberg,

auch wenn wir wissen, dass die CDU ganz bestimmt nicht aus den von uns dargelegten Gründen die Initiative gegen die Umbenennung der Kochstraße ergriffen hat, so möchten wir Ihnen dennoch empfehlen, am 21. Januar mit einem JA deren Anliegen zu unterstützen. Immerhin läßt sich nicht bestreiten, dass die Christdemokraten – wenn auch aus vornehmlich falschen Gründen – das Richtige tun.

Stimmen Sie also nicht für die CDU, stimmen sie gegen die Ströbele-Deutschen, um zu verhindern, dass irgendwann einmal Realität werden könnte, was in deren Zentral-Organ gewünscht wird: „Der Slogan ,Wir brauchen eine krasse / Rudi-Dutschke-Strasse‘ hat gute Chancen, in Kreuzberg zum geflügelten Wort zu werden. Weil er fast schon so einprägsam ist wie ,Schafft ein, zwei, viele Vietnam‘. Und weil es kaum einen schöneren Ort für die Weltrevolution gäbe als die Kreuzung Dutschke Ecke Springer.“ (taz)

Redaktion-Bahamas, 15. Januar 2007

P.S.: Dass heute die Aufgabe des Revolutionärs gerade in Hinsicht auf Rudi Dutschke und seine Folgen nur in der Verhinderung einer Revolutionierung der Massen bestehen kann, wird in absehbarer Zeit im Rahmen einer Veranstaltung die Redaktion BAHAMAS öffentlich begründen. Um freundliche Beachtung einer konkreten Ankündigung wird gebeten (www.redaktion-bahamas.org.)